Offener Brief von Andreas Krautscheid an Alfons Pieper

Geschrieben von am 12. März 2010 | Abgelegt unter Aktuelles

Sehr geehrter Herr Pieper,

Sie haben heute in dem von Ihnen betriebenen Blog „Wir in NRW“ einen Text veröffentlicht, in dem Sie Vorwürfe an Ihre Journalistenkollegen und auch an mich richten. Sie werfen mir darin vor, ich wolle „kritische Journalisten mundtot machen“ und „schicke Staatsanwälte, das Landeskriminalamt und ermunter(e) Kriminelle, die nun Tag für Tag versuchen, unabhängigen Journalismus im Internet zu zerstören.“ Diese Unterstellungen möchte ich in aller Deutlichkeit zurückweisen.

Der Vorwurf, „Kriminelle zu ermuntern“ ist infam und wie auch die anderen Vorwürfe unbelegt. Das halte ich – mit Verlaub – für unter allen unseren journalistischen Standards.

Ich habe bei allen Kommentierungen und Pressekonferenzen der letzten Wochen, an denen Sie leider nicht teilgenommen haben, immer und immer wieder darauf hingewiesen, dass ich die journalistische Arbeit von Bloggern im Netz sehr schätze und respektiere; dazu gehört für mich selbstverständlich auch der Schutz von Quellen und Informanten. Meine Strafanzeige – auch dies habe ich mehrfach öffentlich erläutert – hat allein zum Ziel herauszufinden, wer in den letzten Jahren die Computer unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgespäht und ihre Emails entwendet hat. Sie richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Arbeit Ihres Blogs! Leider haben Sie das bislang nicht zur Kenntnis genommen. Wie Journalisten mit Material und Informationen umgehen, von denen sie wissen, dass sie u.U. aus einer Straftat stammen, muss jeder Journalist selbst entscheiden, egal ob im Netz oder in anderen Medien. Ihr Abheben auf die „Spiegel-Affäre“ scheint mir dünnhäutig, lassen Sie die Kirche im Dorf. Wenn Rudolf Augstein noch leben würde, könnte er Ihnen sicherlich die Unterschiede zwischen einer Anzeige gegen Unbekannt im Jahr 2010 einerseits und einer Verhaftung und Durchsuchung von Redaktionsräumen im Jahr 1962 andererseits deutlich machen: Da sind wohl einige Verfassungsgerichtsurteile dazwischen…..

Dass sich angesichts der Anonymität Ihrer Autoren Journalisten dafür interessieren, wer wohl hinter welchem Pseudonym steckt, und dass es dafür auch Kritik von anderen Bloggern gibt, das scheint mir in der Blogosphäre ziemlich normal. Dass Sie im Blog andere Journalisten, die unter Klarnamen im Netz oder anderswo arbeiten, zumindest indirekt als zu weich oder unkritisch kritisieren, müssen Sie unter den Kollegen ausdiskutieren, da muss sich die Politik heraushalten.

Dass „Wir in NRW“ als politisch einseitig und SPD-nah empfunden wird, ist angesichts der Texte und vermeintlichen Enthüllungen sicher auch nicht verwunderlich; etwa wenn persönliche Briefe (Entschuldigung gegenüber Frau Kraft) kurz nach Eingang mit einer detaillierten Beschreibung der Handschrift des Schreibers und der Reaktion der Empfängerin in ihrem Blog auftauchen.

Ich weise den Vorwurf einer „Ermunterung von Kriminellen“ auch deshalb so entschieden zurück, weil ich selber seit mehreren Wochen Opfer solcher Vorgehensweisen bin: So werden z.B. gefälschte Emails unter meinem Namen (z.B. unter der in Hongkong gehosteten Adresse Andreas.Krautscheid@landtagswahl-rhein-sieg.de) an Adressanten in meinem Wahlkreis verschickt, zuletzt in dieser Woche unter anderem mit der Aufforderung, doch einmal den Blog „Wir in NRW“ zu besuchen….. Auch das macht wenig Freude, ist aber wohl im Netz nicht zu vermeiden. Ich käme jedenfalls nicht auf die Idee, jemanden deshalb die „Ermunterung von Kriminellen“ vorzuwerfen.

Kurzum: Lassen Sie bitte diese persönlichen Unterstellungen. Registrieren Sie bitte, dass ich trotz aller persönlichen Verunglimpfungen Ihre Arbeit und die Ihrer anonymen Kollegen respektiere. Und respektieren Sie bitte, dass ich seit Jahren mit Interesse und Gewinn die Arbeit von Bloggern wertschätze und regelmäßig lese; als Medienminister habe ich mich zu Fragen der Netzpolitik regelmäßig von bekannten Bloggern beraten lassen. Versuchen Sie bitte nicht, die Ihnen jetzt zunehmend entgegenschlagende Kritik aus dem Netz einfach an die Politik als bösen Buben abzudrücken. Ich für meine Person schätze und verteidige die Freiheit des Wortes im Netz. Auch Ihre.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Krautscheid

4 Kommentare zu “Offener Brief von Andreas Krautscheid an Alfons Pieper”

  1. am 12. März 2010 um 16:51 1.Dr schrieb …

    Sehr geehrter Herr Krautscheid,

    offensichtlich haben Sie erhebliche Zweifel an ihrem Vorpreschen in Bezug auf freie Blogs, die ihnen offensichtlich gefährlich nahe kommen. Ist aber auch nachvollziehbar, da sie einerseits alles versuchen die ihnen unliebsame Presse zu behindern und zu verunglimpfen, andererseits sich nun als der Leuchtturm der Pressefreiheit zu geben. Gehen Sie gerne davon aus, dass keine Versuche ihrer Partei unbeobachtet bleiben werden, um aus dem Täter ein Opfer zu machen, denn entgegen ihrer Annahme, haben die meisten Bürger erhebliche Zweifel gegenüber ihrer Politik und deren Repräsentanten.

    mit freundlichen Grüßen

  2. am 13. März 2010 um 00:27 2.68er schrieb …

    Sehr geehrter Herr Krautscheid,

    was ist denn aus Ihrer Strafanzeige geworden?

    Gibt es da schon irgendwelche Ergebnisse?

    Es wäre doch gut, wenn Sie die Öffentlichkeit einmal informiern könnten, was da eigentlich bei der CDU los war.

    Der Vorwurf, Herr Pieper und seine Kollegen seien SPD-nah, ist doch arg jämmerlich. Gäbe es über die SPD ähnliches zu berichten, würde Herr Pieper dies sicherlich tun.

    Nur weil Ihre Partei in den letzten Wochen aufgrund ihres eigenen Verhaltens in die Kritik gekommen ist, tut der kritische Journalismus eben derzeit Ihnen und Ihrer Partei weh. Es ist dann allerdings nicht fair, kritische Journalisten in irgendeine Parteiecke zu schieben. Wenn Sie allerdings meinen wollen, Herr Pieper stehe mit seinem mutigen Kampf für eine wirklich unabhängige und freie Presse der SPD näher als der CDU, mag dies Herrn Pieper zur Ehre gereichen und der SPD unberechtigt schmeicheln, es wirft vor allem aber einen tiefschwarzes Schatten auf das Verhältnis der CDU zur Pressefreiheit.

    Und damit Sie nicht auch noch mir vorwerfen, ich sei SPD-nah, will ich nicht leugnen, dass auch in den 40 Jahren SPD-Regierung in NRW Hofberichterstattung an der Tagesordnung war und kritische Journalisten gerne mal von den “SPD-Granden” geschurigelt wurden. Wenn Sie sich allerdings Herrn Clement als Vorbild für Ihr Verhältnis zur freien Presse wählen wollten, hätten Sie aus meiner Sicht einen Fehlgriff getan.

    Vielleicht gehen Sie einmal in sich und schauen, ob Sie nicht doch noch die kritischeren Posts auf diesen Seiten freischalten lassen.

    Pressefreiheit tut eben auch manchmal weh!

    (Und daran sind nicht immer die Anderen schuld.)

    Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

    Ihr 68er

  3. am 15. März 2010 um 09:24 3.MPistorius schrieb …

    Journalisten sind keine Blogger!

  4. am 21. April 2010 um 23:03 4.Richard Knopp schrieb …

    Um mir selbst einen Eindruck vom wir-in-nrw-blog zu verschaffen, habe ich kürzlich zu einer dort erschienenen Meldung eine kritische Anmerkung geschrieben.

    Diese von mir verfasste Äußerung war nüchtern und sachlich formuliert und enthielt keinerlei Anhaltspunkte von Beleidigungen.

    Kurze Zeit später wurde mein Beitrag durch den Moderator von wir-in-nrw-blog gelöscht.

    Wenn dies die Auffassung von kritischem Journalismus sein sollte, rate ich den Machern von wir-in-nrw-blog dringend zu folgenden Maßnahmen:

    1. Steigen Sie bitte aus Ihrer selbstverordneten ideologischen Schublade.
    2. Nehmen Sie bitte Ihre ein- oder beidseitigen Scheuklappen ab.
    3. Öffnen Sie nun die Augen.
    4. Aktivieren Sie nun Ihre Hirnströme.
    5. Abschließend prüfen Sie bitte zur Ermittlung der aktuellen politischen Lage in NRW die Positionen, Absichten und Leistungen/Vergehen aller Parteien der vergangenen 50 Jahre und setzen sich damit tatsächlich kritisch auseinander.

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